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Internationaler Commerzbank-Kammermusikpreis 2010

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Gespräch mit Prof. Michael Sanderling

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Gespräch mit Prof. Michael Sanderling, künstlerischer Leiter des 2. Internationalen Commerzbank-Kammermusikpreis 2010, über das Besondere an einem Wettbewerb für Kammermusik und gute Kammermusiker.

Prof. Sanderling, zum zweiten Mal unterstützen Sie als Jurymitglied den Internationalen Commerzbank-Kammermusikpreis. Wie kann man Musik in einem Wettbewerb objektiv bewerten?

Das kann man nicht. Und was Objektivität angeht, in einem Kammermusikwettbewerb sicher noch weniger (schlechter) als in einem Instrumentalwettbewerb, wo die instrumentale Virtuosität noch am ehesten berechenbar und daher bewertbar ist.
Aber: ob ein Ensemble eine Paarung seiner musikalischen Intelligenz mit der Fähigkeit zur emotionalen Suggestivkraft schafft kann in gewisser Weise beurteilt werden. Zu diesem Zweck treffen sich wettstreitende Kammermusik-Ensembles.

Worin besteht für Sie das Besondere an einem Wettbewerb für Kammermusik?

Das Besondere besteht für mich in dem Mut zum Versuch, wirklich Inhalte und Emotionsgehalt und deren übertragung auf das Publikum zu bewerten und nicht die virtuos instrumentale Begabung. "Blender" gibt es in der Kammermusik nicht.

Worin sehen Sie dann die Stärke der Kammermusik?

Ganz knapp gesagt: darin, mit wenig Aufwand viel sagen können! Aber auch in der Tatsache, dass sich darin Leute zusammenfinden, die Musik nicht gemeinsam machen müssen, sondern wollen.

Kammermusik ist stark, weil sie eine Form ist, die jedermann erreichen kann und nahezu überall stattfinden kann - denken wir neben den klassischen Hausmusiken nur z.B. an spontane Straßenmusiken. Und weil sie mit Sicherheit die sich am stärksten modifizierende Art des Musizierens ist, die sich aus den früheren elitären Rastern im Rezeptionsdenken über Musik befreit hat und mittlerweile Musik für alle und jeden ist.Ursprünglich war Kammermusik ja ein Forum der Adligen und Bürgerlichen. Heute ist es mehr das denn je das, was Goethe mal zu klassischen Zeiten über ein Streichquartett sagte: "es ist eine Unterhaltung zwischen vernünftigen Leuten".

 

Was macht für Sie einen guten Kammermusiker aus?

Ein guter Kammermusiker ist wenig geltungsbedürftig, dem erkannten Inhalt der Musik nahezu devot ergeben. Er ist zudem bereit, sich unterzuordnen, aber auch sich abhängig zu machen und auf der anderen Seite bereit, anderen Hilfe zu leisten. Eigentlich das ganze Spektrum der zum Leben notwendigen Eigenschaften



Sie unterrichten an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt. Aus Ihrer Sicht als Lehrer: Raten Sie Ihren Schülern im Bereich Kammermusik zu arbeiten?

Wenn Sie nicht schon alle selber süchtig danach geworden wären, würde ich sie zwingen!

Ausblick - Erlebt die Kammermusik eine Renaissance?

Muss sie das? Hat es je eine Vernachlässigung gegeben? Wenn ja, dann doch wohl nur wegen der äußeren kommerziellen Bedingungen, die der Musikmarkt bestimmt. Das Publikum wird zu oft mit ertragsreichen großen Events geködert anstelle wirklicher musikalischer Highlights. Wenn allerdings Beides zusammen kommt, ist nichts dagegen einzuwenden, im Gegenteil!

Qualität siegt

Der erste Commerzbank-Kammermusikpreis in Frankfurt

Gemessen an ihren Besucherzahlen, hat die Kammermusik heute einen schweren Stand, im Hinblick auf die Qualität der Ensembles aber ist es um sie besser bestellt als jemals zuvor. Dieser Eindruck bestätigte sich beim Preisträgerkonzert des ersten Internationalen Commerzbank-Kammermusikpreises. Im Mozart-Saal der Alten Oper, die den Wettbewerb mit der Commerzbank un der Frankfurter Musikhochschule trug, spielten drei junge Klaviertrios auf denkbar hohem Niveau. Die Entscheidung der Jury, zu deren Mitgliedern neben anderen die Geigerin Julia Fischer, der Dirigent Yakov Kreizberg und der Cellist Daniel Müller-Schott zählten, war daher bestens nachvollziehbar: Es wurden zwei erste, mit 15 000 Euro dotierte Preise und ein zweiter Preis zu 6000 Euro vergeben, ein dritter aber nicht.

In dem Wettbewerb, der künftig alle zwei Jahre stattfinden soll und zum Auftakt in der Kategorie Klaviertrio ausgeschrieben war, hatten sich die Finalisten gegen 23 Ensembles aus elf Ländern durchsetzen müssten. Die Violinistin Anna Rachel Freitosa, der Cellist Claude Frochaux und die Pianistin Anca Lupu, erst seit November 2007 das „Trio Monte“, erhielten den zweiten Preis. Das Klaviertrio Nr. 3 c-Moll op. 101 von Johannes Brahms trugen sie ausdrucksvoll besonders im lyrisch Zarten vor. Vieles im ersten und vierten Satz hätte allerdings energischer, herber und kraftvoller umgesetzt werden können.

Vorausgegangen war für die Preisträger allerdings eine Tour de force. Die Endrunde des Wettbewerbs hatte unmittelbar zuvor ebenfalls im Mozart-Saal stattgefunden. Vineta Sareika (Violine), Christian-Pierre La Marca (Cello) und Amadine Savary (Klavier), die Mitglieder des mit einem der Preise ausgezeichneten „Dali Piano Trios“, gewannen Ravels einzigem Klaviertrio in exakt getroffenem Personalstil gleichwohl ungemein viel Valeurs ab. Der Frankfurter Cellist Leonard Elschenbroich hat sich mit dem Violinisten Alexander Sitkovetsky und der Pianistin Wu Qian zum ebennfalls preisgekrönten „Sitkovetsky Trio“ zusammengefunden. Gemeinsam brachten sie in Smetanas Klaviertrio g-Moll op. 15 die orchestralen Schübe glutvoll heraus, trafen aber auch die immer mitschwingende Trauer des Werk, das Smetana nach dem Tod seiner kleinen Tochter verfasste.

Guido Holze
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Kultur, September 2008

Wilde Jagd nach den Klängen

Die Sieger im internationel Wettbewerb der Commerzbank Stiftung gaben in der Frankfurter Alten Oper ihr Festkonzert.

Diesmal hatte die Stiftung die Konkurrenz für Klaviertrio ausgeschrieben. 26 Bewerbungen waren dazu eingegangen. Die drei Preisträger, zwei erste und ein zweiter Preis - was bei hochkarätiger Jury unter Vorsitz der Geigerin Julia Fischer schon einen Eindruck von der Qualität vermittelt - gaben ihr Vorzugskonzert. Die Geburtsländer der jungen Musiker reichen von Brasilien bis Shanghai: aber alle studieren gerne in Europa. Insofern ist die Globalisierung längst auch in diesen friedlichen Wettbewerb eingezogen.

Mann begann strategisch mit dem Gewinner des 2. Preises, dem „Trio Monte“ aus Frankfurt, das eigentlich in dieser Besetzung erst seit Ende 2007 besteht. Sie musizierten Brahms, das Klaviertrio Nr. 3 in c-Moll, voller Leidenschaft. Mut zu den Emotionswechseln, keck im Schwärmerischen der Instrumente untereinander (Violine und Cello) und mit Energie, die vom Klavier herkommt. Es spielen übrigens in allen drei Trio-Besetzungen die Frauen das Klavier. Das Cello pflegt hier einen besonders schönen Ton. Das „Dali-Piano-Trio“ aus Frankreich (ein erster Preis) hat einen feinen, vielgefragten Cellisten (Christian-Pierre La Marca), der für Ravels Klaviertrio in a-Moll (1914) noch einen subtileren Ton hervorbringt. Das Zusammenspiel erschien hier harmonischer in der übereinstimmenden Auffassung von dieser Musik, die ja sehr sanft sein kann und im nächsten Augenblick explodiert, die entzückend leicht sein kann und sich dann über skurrile Ansätze zu gewaltiger Energie hochschraubt. Massiv temperamentvoll die französische Pianistin.

Am Ende das „Sitkovetksy-Trio“ aus England, genannt nach seinem Moskauer Geiger. Diese drei waren die Besten; man hätte ihnen durchaus allein den ersten Preis geben können. Die Musik hatten sich das Smetana-Trio op. 15 vorgenommen, was natürlich auch ein bisschen ein Ohrwurm an Gefälligkeit ist. Aber sie haben es, bei sehr sonor singenden Instrumenten, drastisch energisch gespielt, mit innewohnender Wucht. Un der Schlusssatz mit einer Klangjagd der wilden Repetitionen, den raketenhaften Klaiverskalen, vollendete den Elan. (GN)

Frankfurter Neue Presse, Kultur, 17. September 2008

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